Samstag, November 04, 2006

Woran man erkennt, dass Deutschland reif für ASP ist

Application Service Providing, einst vermarktet als Heilmittel gegen überhandnehmende EDV-Probleme und Kosten in Betrieben aller Größenordnungen, fristete in Deutschland bisher eher ein Nischendasein. Dabei ist die Idee für die Unternehmen als Kunden tatsächlich zunächst einmal nicht schlecht: Die wiederkehrenden sowie die unvorhersehbaren hohen Ausgaben für immer neue Hardware, Software, Updates und Administration werden gegen andauernde kleine Zahlungen fester Größenordnung ersetzt. Dafür entsorgt das Unternehmen einen Teil seiner (ohnehin veralteten) EDV und damit einen Teil seiner Probleme. Das macht die Sache für alle Beteiligten einfacher, und alle sind glücklich und zufrieden.

Nun ist der Deutsche an sich aber etwas eigen und deutsche Chefs sind es allemal: "Nie im Leben würde ich meine EDV und somit sämtliche Betriebsabläufe und Geschäftsdaten bei einem fremden Dienstleister unterbringen. Da könnte ich ja auch gleich meinen Tresor geöffnet auf die Straße stellen." Solche Sätze hört man Geschäftsleute sagen -- wohl verkennend, dass sie ihr Sensibelstes längst einem fremden Dienstleister anvertraut haben: Ihren Zahlungsverkehr.

Doch spätestens seitdem es Onlinebanking gibt, offenbart jenes auch sehr alte Gewerbe immer mehr die so furchteinflößende Fratze des ASP Prototypen. Und dennoch scheint das Vertrauen deutscher Kunden in deutsche Banken ungebrochen. Dieses wissend und ausnutzend hat nun die Bankenbranche eine großangelegte Kampagne gestartet, um endlich die Lanze für Application Service Providing in Deutschland zu brechen:

Nach und nach verwandelt sie ihre Filialen (nicht zuletzt auch ihre Hauptfilialen!) in schnuddelige Butzen mit dem Charme von Bahnhofsklos und Abstellkammern, und nimmt dabei Anleihe bei allem was derzeit wohl jugendlich und hip ist. Wo Mastercard noch das Spielen in Pappkartons als unbezahlbar anpreist, dürfen nun auch die Kunden ihrer Banken sich durch ein Labyrinth von Stellwänden in Kartonanmutung wühlen. Auch Erwachsene sollen schließlich in den gleichen unbezahlbaren Genuss des mit Pappe Spielens kommen. Kein wunder, dass hier mal eben von draußen eine Horde 12 bis 14-Jähriger hereinstürmen, durch die Pappgänge toben und auch gerne noch verweilen darf. Und damit sich die zukünftige Kundschaft so richtig wohlfühlt, hat man auch gleich von den bei dieser so beliebten Fastfood-Ketten ein Accessoire übernommen, das sich auch dort großer Beliebtheit und Beliebigkeit erfreut: An Decke und Wänden hängen Monitore, die der Umgebung entsprechenden Lofi-Content von irgendeinem Nachrichtensender abspielen. Da kann es schon mal passieren, dass man beim Betreten seiner Filiale mit einem Spot(t) der Konkurrenz begrüßt wird.
Auch scheinen Frauen irgendwie neue Zielgruppe zu sein: Gleich neben dem Eingang befindet sich ein Regal mit Kaffemaschinen, Weckern und allerlei anderem Merchandizing-Tand, das die Profis von TCM im Supermarkt um die Ecke nicht ramschiger und gebürstet metallglitzriger hätten hinbekommen können. Oder sollte es sich hierbei vielleicht doch um Werbeprämien handeln?

Bei mir hat dieses Schock-Marketing jedenfalls voll gewirkt. Zwei Dinge habe ich sofort gewusst, als ich nach zwei Jahren mal wieder meine Filiale der Deutschen Bank betrat:
  1. Auch ohne die Begrüßung durch die Dresdner Bank:
    "Huch, hier will ich doch gar nicht hin ?!"

  2. Welches Business hier sein Geld lässt, kann auch ASP machen.
Schade nur, dass ich in beiden Fällen nicht zielgruppe -- erstens habe ich kein Business und zweitens bin ich schon ASP verseucht: Wenn man mich nicht mit Schecks belästigt, mache ich Online-Banking, und meine Applications hoste ich bei Gooooooooogle.